Der tägliche Wahnsinn zwischen Kita, Schule, OGS und Job zerrt vielen Familien an den Nerven. Was macht Stress, was macht Freude? Wie meistern ganz verschiedene Familien im Vest ihren Alltag? Wir haben gefragt, wie es bei ihnen läuft.
Stoppersocken aus-, Schulranzen aufgezogen: Mit der Grundschule beginnt für Kinder ein neuer Lebensabschnitt – und für Eltern ein neues Kapitel in der Betreuungsorganisation. Denn während der Vormittag klar strukturiert ist, stellt sich für viele Familien die Frage: Wohin nach Schulschluss?
Die Ganztagsbetreuung an Schulen wurde nach dem „Pisa-Schock“ im Jahr 2000 eingeführt, anfangs als reine Betreuung nach dem Unterricht, um berufstätigen Eltern eine verlässliche Lösung zu bieten. Heute hat sich das Konzept der OGS zu weitaus mehr entwickelt: Kinder in ihren Kompetenzen und Persönlichkeiten fördern. Die schulische Bildung überwiegt im Unterricht – die soziale Bildung in der OGS.
Einen Schnittpunkt gibt es jedoch: Hausaufgaben, die – das wird jedes Kind nun freuen – durchaus kritisch gesehen werden. Jennifer Niehöfer, die beim Träger Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) arbeitet und die OGS für mehrere Standorte koordiniert, findet: „Letztlich ist ein OGS-Tag für Kinder nicht anders als ein Acht-Stunden-Arbeitstag für Erwachsene: Die Zeit sollte vor allem genutzt werden, um in Bewegung, in sozialen Austausch und Bildungsangebote zu investieren, die die Kinder in ihrer Entwicklung voranbringen.“ Hausaufgaben könnten, so Niehöfer, in dieser Zeit zwar ihren Platz haben, dürften aber nicht den Nachmittag dominieren.
Was passiert dort also?
Der StadtSportVerband bringt die Kinder mit abwechslungsreichen Sporteinheiten in Schwung. Ob Fußball, Dribbelübungen oder Koordinationstraining – hier geht es darum, Bewegung als spaßigen Teil des Alltags zu etablieren. „Gerade im Winter ist Bewegung besonders wichtig“, betont Anna Bretthauer, Leiterin der OGS Hohenzollernschule. Studien zeigen, dass fast jedes zweite Kind übergewichtig ist und viele grundlegende motorische Fähigkeiten wie Rückwärtsgehen kaum beherrscht. Daher setzt man auf ein ganzheitliches Konzept, das Bildung, Bewegung und Gemeinschaft vereint.
QualityTime gibt es zuhause – doch Freundschaften und Begegnungen finden in der OGS statt. Das sehen auch David Prinzen und Sohn Elias. Foto: Felix Kleymann
Doch nicht nur koordiniertes Spiel ist wichtig – die OGS am Reitwinkel setzt auf Freispiel: „Spielen ist die Bildung der Kinder“, erklärt Kerstin Duffhaus-Stegmann, Gruppenleiterin an der Grundschule im Reitwinkel. Kinder müssen selbstständig sein, um Konflikte zu lösen, Teams zu bilden und Verantwortung zu übernehmen. „Wir müssen beobachten und wahrnehmen, ohne das Miteinander zu stören“, ergänzt Anne Kube, OGS-Koordinatorin in Süd. Das macht sich zuhause bemerkbar: „Ich lerne viel von dem, was meine Kinder mitbringen, Konfliktmanagement zum Beispiel“, sagt Frau Manthei und lacht. David Prinzen fügt hinzu: „Dieses Miteinander können wir im Alltag gar nicht ermöglichen“.
Wie geht’s weiter?
In Recklinghausen besuchen 2.800 Kinder, verteilt auf 115 Betreuungsgruppen mit jeweils 25 Plätzen die OGS. Der Bedarf ist hoch:
Am Standort Reitwinkel stehen beispielsweise rund 20 Kinder auf der Warteliste. Ab dem Schuljahr 2026/2027 gibt es einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Erstklässler. Eine der größten Herausforderungen: An vielen Schulen fehlt es an Räumen, um zusätzliche Gruppen einzurichten. ,,Im Improvisieren sind wir mittlerweile Weltmeister”, sagt Lars Stock, Mitarbeiter an der OGS Hohenzollern, schmunzelnd.
Fast unisono wünscht man sich außerdem ein breiteres Spektrum an Fachkräften. „Manche Kinder gehen im Bildungssystem verloren“, weiß Jennifer Niehöfer, „Psychologen wären ein guter Ansatz“. Auch sprachliche Förderung ist in bestimmten Stadtteilen ein Kernaspekt, der durch entsprechende Kompetenzen besser gestützt würde.
Dinge, die gehört werden. Stadt, Schulen und Träger arbeiten daher intensiv an Lösungen – sei es durch den geplanten Neubau am Reitwinkel mit sechs zusätzlichen Räumen oder durch flexible Modelle, die eine Ausweichbetreuung an nahegelegenen Schulen ermöglichen. Alles ist in Bewegung. ,,Wir setzten alles daran, um so viele Kinder wie möglich unterzubringen”, sagt Maurice Kühn, Schulverwaltung bei der Stadt Recklinghausen.