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Geschichte im Präsens
Foto: André Chrost

Geschichte im Präsens

Lesedauer: ca. 2 Min. | Text: Karoline Jankowski

Jüdisches Leben in Recklinghausen ist Erinnerung – und vor allem Gegenwart.

In einer Seitenstraße neben dem Polizeipräsidium liegt ein Ort, den man ziemlich leicht verpassen kann – vor allem, wenn man nicht weiß, dass er da ist: die Jüdische Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen mit ihrer Synagoge.

Wer hier instinktiv und eben auch limitiert bloß an Gedenktage, Stolpersteine und Geschichtsunterricht denkt, wird drinnen ziemlich schnell neu sortiert. Religiöses Leben, Gottesdienste, ein Chor, ein Vokalensemble, drei Tanzgruppen, das Jugendzentrum, die Bibliothek, der Kultursalon, dazu ein populäres Kulturprogramm mit Konzerten – mehr als 20 regelmäßige Angebote laufen hier in einer normalen Woche. „Die Gemeinde lebt“, sagt Dr. Michael Gutkin. Seit mehr als 20 Jahren ist er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen. Knapp 500 Menschen gehören ihr an, rund 80 Prozent leben in Recklinghausen. Dr. Michael Gutkin, seit 2005 Vorstandsvorsitzender der Gemeinde, legt Wert auf den Unterschied zwischen jüdischer Geschichte und jüdischem Leben. „Wir sind kein Museum“, sagt er. Ein Satz, der sitzt, weil jüdisches Leben in Deutschland bemerkenswert oft im Präteritum erzählt wird. Hier ist ziemlich viel Präsens. Stattdessen: „Die Gemeinde lebt.“

Gegenwart statt Gedenkvitrine

Michael Kogan ist der erste Gemeinderabbiner in Recklinghausen nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Synagoge, erklärt er, ist vor allem ein Ort der Versammlung. Bestimmte Dinge gehören dazu: die Ausrichtung nach Osten, der Thoraschrein, das ewige Licht. Doch das Haus ist eben mehr als sein religiöser Teil. Unter einem Dach wird gebetet, gelesen, gelernt, gefeiert. Geheimnisvoll ist hier vor allem die Vorstellung, jüdisches Leben müsse geheimnisvoll sein.

Das Gebäude selbst ist ein kleines Zeitarchiv: Teile stammen von 1927 und 1955, die heutige große Synagoge wurde 1996 eingeweiht. Der frühere Betsaal oben ist heute Bibliothek. Ganz ohne Vergangenheit funktioniert dieser Ort natürlich trotzdem nicht. Gegenüber, dort, wo heute das Finanzamt steht, stand einst die frühere Synagoge. Wie so vieles vom jüdischen Leben und der Kultur wurde sie in der Reichspogromnacht zerstört. Dass die neue Gemeinde nicht einfach auf den alten Standort zurückkehrte, beschreibt Kantor Isaac Tourgman fast beiläufig mit einem Satz, der viel größer ist als die Grundstücksfrage: „Juden schauen nach vorne. Wer die Geschichte vergisst, sorgt dafür, dass sie wiederkommt. Trotzdem müssen wir weitergehen.“ Erinnerung gehört hier dazu. Aber eben nicht als Endstation.

Geschichte hält hier

Besonders sichtbar wird die Geschichte an der Bushaltestelle „Hohenzollernstraße“ am Hittorf-Gymnasium. Seit 2025 ist sie Erinnerungs- und Lernort.Von hier startet inzwischen jedes Jahr rund um den 27. Januar der Koffermarsch durch Recklinghausen: Mehrere Hundert Menschen gehen mit Koffern durch die Stadt und erinnern an die jüdischen Bürger aus Recklinghausen und dem Vest, die am 27. Januar 1942 nach Riga deportiert wurden. Genau drei Jahre später, am 27. Januar 1945, wurde Auschwitz befreit.

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